Das Southern Command der US-Marine hat seit September 2025 seine aggressive Kampagne gegen das, was die Trump-Regierung als „Drogenschiffe“ bezeichnet, die hauptsächlich in der Karibik operieren, wieder aufgenommen. Diese erneute militärische Haltung hat laut Berichten des britischen Nachrichtenportals The Guardian zur Versenkung von mehr als 50 Schiffen und zum Tod von mindestens 177 Personen geführt. Kritiker, darunter Menschenrechtsorganisationen und der mexikanische Akademiker Carlos Perez Ricart, argumentieren, dass diese Aktionen außergerichtliche Tötungen darstellen und stellen deren tatsächliche Auswirkungen auf die Drogenversorgung in Frage.
Seit September 2025 hat das Southern Command der US-Marine seine maritimen Operationen intensiviert, wobei es Schiffe ins Visier nimmt, die angeblich von Kartellen zum Transport illegaler Betäubungsmittel genutzt werden. Diese Maßnahmen folgen der Anweisung der Regierung von Präsident Donald Trump, Drogenschmuggelrouten aus Südamerika und Mexiko zu unterbrechen.
Das Ausmaß dieser Operationen war beträchtlich. Medienberichte deuten darauf hin, dass in diesem Zeitraum über 50 Schiffe versenkt wurden. The Guardian stellte ausdrücklich fest, dass bei den Angriffen mindestens 177 Personen ums Leben kamen.
Die US-Regierung hat jedoch noch keine konkreten Beweise vorgelegt, die bestätigen, dass diese versenkten Schiffe tatsächlich illegale Fracht transportierten. Auch hat sie die Identitäten der bei den Operationen Getöteten nicht bekannt gegeben. Diese mangelnde Transparenz hat rasche Verurteilung von mehreren Nationen hervorgerufen.
Einige Regierungen behaupten, dass diese Angriffe zum Tod unschuldiger Fischer führen. Carlos Perez Ricart, Ökonom am mexikanischen Zentrum für Wirtschaftsforschung und Lehre (CIDE), äußerte starken Widerstand. Er sagte der DW, dass diese Militärschläge „außergerichtliche Tötungen“ seien. Die US-Regierung weist solche Kritiken ihrerseits zurück.
Sie bietet eine Reihe rechtlicher Begründungen an und behauptet, dass die Angriffe im Einklang mit dem Völkerrecht stünden. Regierungsvertreter vertreten die Ansicht, dass die Aktionen der Kartelle einem bewaffneten Angriff auf die Vereinigten Staaten gleichkämen und die Angriffe somit einen Akt der Selbstverteidigung darstellten. Diese militärischen Aktionen finden vor dem Hintergrund einer sich entwickelnden US-Politik gegenüber transnationalen kriminellen Organisationen statt.
Gegen Ende seiner ersten Amtszeit hatte Präsident Trump erwogen, Drogenkartelle als ausländische terroristische Organisationen (FTOs) einzustufen. Auf Wunsch des damaligen mexikanischen Präsidenten, Andres Manuel Lopez Obrador, hatte er von dieser Einstufung abgesehen. Diese Haltung änderte sich.
Im Februar 2025, kurz nach Beginn seiner zweiten Amtszeit, setzte Trump die FTO-Einstufung um. Diese Klassifizierung wurde zunächst auf mexikanische Drogenkartelle, die Straßenbande Mara Salvatrucha aus El Salvador und das venezolanische Verbrechersyndikat Tren de Aragua angewendet. Solche Einstufungen haben spezifische Auswirkungen nach internationalem Recht.
Im Oktober 2025 berichteten mehrere US-Nachrichtenagenturen unter Berufung auf Personen, die mit den Überlegungen der Regierung vertraut waren, über eine neue interne Klassifizierung. Die Trump-Regierung betrachtete sich nun als in einen „nicht-internationalen bewaffneten Konflikt“ mit diesen Kartellen verwickelt. Diese Neuklassifizierung bedeutete, dass die bei den Bootsangriffen Getöteten als „ungesetzliche Kombattanten“ bezeichnet wurden. Zwei Monate später, im Dezember, stufte Präsident Trump Fentanyl offiziell als „Massenvernichtungswaffe“ ein. Obwohl diese Einstufungen verschiedenen Zwecken in internationalen Rechtsrahmen dienen, äußern eine Reihe von Rechtsexperten Skepsis hinsichtlich ihrer Anwendbarkeit in diesem spezifischen Kontext.
Es steht außer Frage, dass Drogenkartelle in den Vereinigten Staaten erheblichen Schaden anrichten. Jedes Jahr sterben Zehntausende Menschen an drogenbedingten Todesfällen durch Substanzen, die aus Lateinamerika ins Land geschmuggelt werden. Illegal hergestelltes Fentanyl hat sich als die tödlichste Substanz erwiesen.
Das National Institute on Drug Abuse (NIDA) berichtete, dass es für fast 70 % der tödlichen Überdosen in den USA verantwortlich war. Die extreme Toxizität von Fentanyl ist gut dokumentiert. Russische Behörden setzten die Chemikalie während der Geiselnahme im Moskauer Dubrowka-Theater im Jahr 2002 ein und demonstrierten damit ihr Potenzial als Waffe.
Der Lieferkette zu folgen bedeutet, die Ursprünge zu verstehen. Illegal in den USA verkauftes Fentanyl wird hauptsächlich in Mexiko und nicht in Südamerika hergestellt. Dasselbe gilt für Psychostimulanzien, die laut NIDA-Daten nach synthetischen Opioiden wie Fentanyl die zweittödlichste Drogenkategorie in den USA darstellen.
Südamerika hingegen liefert hauptsächlich Kokain, das in die USA geschmuggelt wird. Diese Unterscheidung ist wichtig für die Abfangstrategie. Die meisten tödlichen US-Angriffe haben jedoch in der Karibik stattgefunden.
Drogen aus dieser Region sind typischerweise für Europa bestimmt. Für die USA bestimmte Drogenschmuggler nutzen häufiger die Pazifikroute. Manuel Supervielle, ein Experte für nationale Sicherheit und ehemaliger US-Militäranwalt, stellt fest, dass Drogenschmuggler sicherlich vorsichtiger geworden sind.
Sie verstehen die erhöhten Risiken. Supervielle glaubt, dass die versenkten Boote tatsächlich Drogen transportierten. Er erinnert sich jedoch an einen anderen Ansatz aus seiner Zeit als Anwalt des Southern Command in den frühen 2000er Jahren.
Scharfschützen deaktivierten die Bootsmotoren von Hubschraubern aus, wodurch die Schiffe manövrierunfähig wurden. Die Küstenwache traf dann ein, verhaftete die Besatzung und beschlagnahmte die Drogen. Diese Methode ermöglichte das Abfangen ohne tödliche Gewalt.
Alex Papadovassilakis vom investigativen Nachrichtenportal InSight Crime räumt ein, dass US-Angriffe spezifische Drogenschmuggelrouten in der Karibik gestört haben. Er warnt jedoch davor, die Auswirkungen zu überschätzen. „Das bedeutet nicht, dass der Kokainfluss stoppt“, sagte Papadovassilakis der DW. Kartelle verfügen über zahlreiche alternative Optionen.
Darüber hinaus, so fügt er hinzu, können die USA dieses Maß an militärischem Druck langfristig nicht aufrechterhalten. Die Zahlen auf den Frachtpapieren erzählen die wahre Geschichte von Angebot und Nachfrage, und diese Zahlen zeigen kaum Veränderungen. Ökonom Perez Ricart zweifelt weiter an der Wirksamkeit der US-Maßnahmen.
Er verweist auf einen kritischen Marktindikator. „Der Preis für ein Gramm Kokain auf den Straßen von New York und Los Angeles hat sich nicht geändert“, sagte er der DW. Stabile Straßenpreise deuten darauf hin, dass das Angebot trotz der Militäroperationen weitgehend unbeeinflusst bleibt. Dieser Indikator impliziert, dass die Abfangbemühungen den Gesamtfluss von Betäubungsmitteln ins Land nicht wesentlich beeinflussen.
Victor M. Mijares, Politikwissenschaftler an der Universidad de los Andes in Bogota, Kolumbien, schlägt vor, dass eine andere geopolitische Verschiebung weitaus größere Ergebnisse erzielen könnte. Die Absetzung des venezolanischen Präsidenten Nicolas Maduro, so glaubt er, könnte einen wesentlich größeren Einfluss auf den Drogenschmuggel aus Südamerika haben. „Wir wissen, dass es viele Beweise gibt, die das Regime mit dem Drogenhandel in Verbindung bringen“, erklärte Mijares.
Supervielle teilt diese Ansicht und deutet an, dass die Ineffizienz der Angriffe, gepaart mit Schwierigkeiten bei deren Rechtfertigung, auf ein umfassenderes US-Ziel hindeutet: politische Bedingungen für Maduros Sturz zu schaffen. Maduro, so Supervielle, sei lediglich das öffentliche Gesicht des Regimes gewesen, während andere die Kernentscheidungen trafen; diese Akteure kooperieren nun. Handelspolitik ist Außenpolitik mit anderen Mitteln, und Venezuelas Interimsregierung unter der Führung von Delcy Rodriguez hat eine professionelle Zusammenarbeit mit der US-Regierung bestätigt.
Diese Zusammenarbeit beinhaltet hauptsächlich die Öffnung der venezolanischen Wirtschaft für US-Investoren, insbesondere im Ölsektor. Venezuela verfügt über die weltweit größten bekannten Ölreserven. Dieses wirtschaftliche Engagement könnte eine strategische Verlagerung darstellen, bei der finanzielle Anreize statt militärischer Gewalt genutzt werden, um die regionale Stabilität und damit auch die Drogenströme zu beeinflussen.
Sowohl Perez Ricart als auch Mijares deuten an, dass Präsident Trumps Hauptmotivation bei seiner innenpolitischen Basis liegt. Mijares bemerkt, dass der Präsident seine Kernanhänger vor den bevorstehenden Wahlen vereinen muss. Diese innenpolitische Kalkulation könnte die aggressive Haltung der Regierung und ihre öffentliche Kommunikation bezüglich des Drogenkriegs erklären.
Warum es wichtig ist:
Diese eskalierten maritimen Abfangmaßnahmen stellen eine bedeutende Verschiebung in der US-Drogenbekämpfungsstrategie dar, hin zu direktem militärischem Engagement und weg von traditioneller Strafverfolgung. Die Einstufung von Kartellen als FTOs und von Fentanyl als Massenvernichtungswaffe verändert den rechtlichen Rahmen für US-Maßnahmen und erweitert potenziell den Spielraum für zukünftige militärische Interventionen. Für Konsumenten deutet die mangelnde Auswirkung auf die Straßenpreise von Drogen darauf hin, dass die illegalen Lieferketten trotz der hohen menschlichen Kosten dieser Operationen widerstandsfähig bleiben und sich an Störungen anpassen, anstatt zusammenzubrechen.
Das geopolitische Manövrieren um Venezuela, verbunden mit Ölinteressen, offenbart ein komplexes Zusammenspiel von Sicherheits- und wirtschaftlicher Außenpolitik, bei dem die Drogenbekämpfung als Stellvertreter für umfassendere strategische Ziele dienen kann. Wichtige Erkenntnisse: Das Southern Command der US-Marine hat seit September 2025 über 50 mutmaßliche Drogenschiffe versenkt, was zu mindestens 177 Todesfällen führte. Die US-Regierung hat keine Beweise für illegale Fracht oder die Identitäten der Getöteten vorgelegt, was internationale Verurteilung hervorruft. Trotz militärischen Drucks bleiben die Straßenpreise für Kokain in großen US-Städten unverändert, was auf einen begrenzten Einfluss auf die gesamte Drogenversorgung hindeutet. Politische Einstufungen, einschließlich des FTO-Status für Kartelle und Fentanyl als Massenvernichtungswaffe, haben den rechtlichen Kontext für militärische Maßnahmen verschoben.
Mit Blick auf die Zukunft werden Beobachter mehrere Schlüsselindikatoren im Auge behalten. Militärischer Druck auf Drogenströme wird nicht an der Anzahl der versenkten Schiffe gemessen werden, sondern an Veränderungen der Drogenverfügbarkeit und -preise auf den US-Märkten. Jegliche weiteren Wirtschafts- oder Diplomatieabkommen zwischen den USA und Venezuelas Interimsregierung könnten eine neue Phase der regionalen Stabilität einleiten und potenziell die Dynamik des Drogenhandels beeinflussen. Darüber hinaus werden die rechtlichen Anfechtungen der Begründungen der US-Regierung für ihre Angriffe, insbesondere hinsichtlich des Völkerrechts und der Menschenrechte, in globalen Foren weiterhin zur Sprache kommen.
Wichtige Erkenntnisse
— Das Southern Command der US-Marine hat seit September 2025 über 50 mutmaßliche Drogenschiffe versenkt, was zu mindestens 177 Todesfällen führte.
— Die US-Regierung hat keine Beweise für illegale Fracht oder die Identitäten der Getöteten vorgelegt, was internationale Verurteilung hervorruft.
— Trotz militärischen Drucks bleiben die Straßenpreise für Kokain in großen US-Städten unverändert, was auf einen begrenzten Einfluss auf die gesamte Drogenversorgung hindeutet.
— US-Politik-Einstufungen, einschließlich des FTO-Status für Kartelle und Fentanyl als Massenvernichtungswaffe, haben den rechtlichen Kontext für militärische Maßnahmen verschoben.
Quelle: DW
